Blicke verfeinern

Nehmen wir dieses Bild

– vermeintlich will sich die halbe Welt der anderen erklären und alles offenlegen – und die, die das filmen, behandeln ihren Erfolg wie ein Geheimnis, wie eine Entourage, eine proprietäre Angelegenheit

Es dürfte nicht verwundern, dass dir offene, ja burschikose Typen, die mit der losen Zunge, bald uninteressant erscheinen.

Dagegen sich der Jugendliche wundert über Politiker-Sprech (Politikerinnen gab es nicht viele) – sich wundert über „gestandene Männer“. Sie wirkten seriös aber durch ihre Anzüge neutralisiert – im Kaufhaus erstanden, selten elegant oder passgenau genäht, bei dem einen beulte es an den Füßen, bei dem anderen sahst du Bauch, die Krawatten waren dunkelblau, selten farbig.

Sie hatten Geld. Und Auto. Nicht statusverkörpernd, sondern echt wohlhabend und erfolgreich. Und redeten selten klar, eher verschlüsselt. Geheimnistuend. Agenten ihres Erfolgs. Nicht prahlerisch, verhuscht. Und pflegten selten sichtbar Freundschaften, waren „auf Arbeit.“

Die Kinder trugen Palästinensertücher.

Andere spielten die Schlacht von Waterloo mit Soldatenfiguren aus der Plastikbox.

Oder wetteiferten mit Franz Joseph um den schärferen Schmalzfliegensatz.

So weit so unklar – ein anonym geführtes Leben – ohne Rechtfertigungsdruck.

Inzwischen, sehen wir, werden sie alle nasdaqlang gecoucht – sich zu beherrschen und nicht aus der Haut zu fahren, bei all der Offenheit und Ehrlichkeit.

Der Text bleibt rätselhaft, so, als stünde ein Anwalt beiseite, der ihnen die Worte zuflüstert. Wider das seelenoffene Ehrlichkeitslamento –

Lässt du dich auf ihre Anliegen ein, verlierst du den Überblick – präzisiere nicht, übermale das, scheinen die Anwälte zu sagen.

Siehst du Serien, Filme, Shows – du erkennst: dort wird Klarheit praktiziert (mag daran liegen, dass Drehbuchautoren im Team arbeiten)

Und aber jedem Charakter Linien und Wesenszüge zuschreiben der Wiedererkennbarkeit wegen

Dein Umfeld zeigt:

Die Pyramide scheint Manifest der Stunde: dicker Unterbau (Masse) – nach oben hin verjüngt und elitär – die da oben – wir hier unten -? Gier.

Das trat so vor der Pandemie zu Tage. Heute haben sich die Hierarchien scheinbar aufgelöst, kaum sichtbar – das Coaching führte dazu, jedem im Mittel- oder Unterbau zu suggerieren, er oder sie seien partnerschaftlich verbunden.

Hin und wieder braucht es Motivation (ein Fest, ein Lob, eine Prämie) –

Heute – während der Pandemie – mit Möglichkeit zum Home-Office, sind die Unterschiede noch unsichtbarer – da sie sich in der Matrix begegnen und ihr eigener Chef sind im Verhältnis Privatleben gleich Berufsleben

Der ehemals erfolgsverwöhnte Chef muss seine Mitarbeiterinnen jeweils in ihrem Wohn- und Schlafzmmer abholen

– und so tun, als habe er alles im Check.

Dabei ist er weggecheckt – es funktioniert auch ohne ihn.

Deswegen Geheimnisse entstehen – Erfolgserlebnisse in der Chefetage – das Coaching will auf nicht dechiffrierbaren Text hinaus – im Subtext.

Nicht Trotzki, Flaubert.

Nicht klar, kompliziert.

Manche Aufträge deiner Vorgesetzten lesen sich nicht als Auftrag, sondern als Spiel mit vagen Unbekannten

Ehrliches den Naiven. Chaos den Eliten.

Einmal im Jahr treffen sie sich – in der Philharmonie und tun so, als hörten sie den gleichen Bruckner.

Das wird am Morgen in der Teamsitzung geklärt: dein Bruckner war ein Rheinfall – den habe ich seinerzeit in Dresden anders gehört.

Komm, Ludger, spiel deine Mundharmonika und sprich nicht gleich vom Blues.

Den wir kriegen beim Anblick des Anzugs von Siggi – der aus den Nähten platzt. Am Bauch sollst du ihn erkennen.

Und braucht nicht mehr viel sagen – wie damals – als sie erfolgreich waren und es für sich behielten und Autos zeigten.