wochenmythos

Habe, Stand 15.08. noch nichts unternommen Richtung Google. So gesehen werden selbst die, die mich explizit suchen, nichts finden.

Unter der Woche die mir typischen Reminiszenzen eines Internet, das sich ihren Nutzern entzieht, es kommen einem Klischees unter: der Mensch sei dem Mensch ein Wolf, oder: bezweckst du das eine, bekommst du anderes.

Du promotest einen Musiker, der dich in der Mailbox angefragt hatte, du hörst wochenlang nichts, schließlich ein hingekleckstes Dankeschön plus Zusage, dich bei einem seiner Auftritt auf die Gästeliste zu heben, du erscheinst zum Konzert, es gibt hier keinen Dmitri auf der Gästeliste, hat er vergessen,

du bekommst vom Tankwart des Clubs den hintersten Platz neben der Elektrik zugewiesen, es erscheinen zwei junge Frauen, sie lächeln dich an, weil du ihnen anbietest, den einen der beiden letzten Plätze für sie freizumachen, sie waren sicherlich in der Absicht zu dir vorgedrungen, dich aus der Ecke zu vertreiben, der erste Set des Konzerts geht durch als Arbeit entlang der neuen Aufnahme – niemand weiß, warum noch CDs produziert werden, sie gibt es am Tresen, bei den Mädchen hinterm Tresen und dem Whisky und dem Tequila.

In der Pause wird die Sitzordnung neu gemischt, da einige das Konzert verlassen, die mich begleitenden Frauen (aus Great Britain? Aus Frankreich?) haben sich Sitzplätze in der Galerie erobert, du versuchst etwas näher an die Bühne heran zu rutschen, um bessere Bilder zu schießen, und spürst: es wird all dies Arbeit.

Du hast in Andrej Platonow einen wundersamen Abschnitt gelesen:

Der Dorfälteste bat ihn, die Wanduhr zu reparieren, und der Geistliche, das Klavier zu stimmen. Sachar Pawlowitsch hatte sein Lebtag keine Musik gehört, in der Kreisstadt hatte er einmal ein Grammophon gesehen, aber das hatten die Männer zu Tode gequält, und es spielte nicht. Das Grammophon stand in einer Schenke, sie hatten die Seitenwände zerbrochen, um den Betrug zu sehen und denjenigen, der dort sang, und in die Membran war eine Stopfnadel gesteckt.

Sachar Pawlowitsch brachte einen Monate mit dem Stimmen des Klaviers zu, er probierte, die wehmütigen Töne aus und untersuchte den Mechanismus, der etwas so Zartes hervorbrachte. Er schlug eine Taste an, ein trauriges Singen stieg auf und flog davon; Sachar Pawlowitsch schaute nach oben und wartete auf die Rückkehr des Tons – er war zu schön, um sich spurlos zu vergeuden.

Der Geistliche war es leid, auf das Stimmen zu warten, und er sagte: „Alter, schlag nicht umsonst die Töne an, bring die Sache zu Ende und versuche nicht, einen Sinn zu ergründen, der dich nichts angeht.“ Sachar Pawlowitsch fühlte sich bis in die Wurzeln seiner Meisterschaft gekränkt und baute in den Mechanismus ein Geheimnis ein, das in einer Sekunde entfernt werden konnte, aber ohne besonderes Wissen nicht zu entdecken war. Danach holte ihn der Pope jede Woche zu sich: „Komm, mein Freund, komm mit, die geheimnisbildende Kraft der Musik ist wieder verschwunden.

Sacher Pawlowitsch hatte das Geheimnis nicht für den Popen eingebaut und auch nicht, um selber so oft wie möglich Musik zu genießen; nein, ihn bewegte lediglich, wie das Erzeugnis konstruiert war, das jedes Herz rührte und den Menschen gütig machte; darum hatte er sein Geheimnis eingefügt, das sich in den Wohlklang mischte und ihn durch Gejaul übertönte.

Als Sacher Pawlowitsch nach zehn Reparaturen das Rätsel der Klangvermischung und die Konstruktion des vibrierenden Hauptbrettes begriffen hatte, entfernte er das Geheimnis aus dem Klavier und interessierte sich nie wieder für Töne.

Seiote 16 Andrej Platonow Tschewengur

Du hast festgestellt, dass, je häufiger du diese Szene liest, desto einfacher und schlichter kommt sie dir vor und doch ist sie von einer eigenen inneren Spannung, du weißt, die Suchmaschinen des Netzes würden diesen Abschnitt canceln, weil er zu lang ist.

Du hast eine Nacht im Netz verbracht, um mit anzusehen, wie sich Canceln anfühlt – wenn Ignorieren oder Missachtung Gunst der Stunde ist. Du empfindest das Schweigen des Netzes als arrogant, und da sie erwarten, dass jeder Satz druckreif ist, so, als sei er graviert, in Bleisatz und für die Ewigkeit gemacht, erkennst du, wie wenig sie sich für Musik interessieren – nun könnte man sagen, das liegt in deiner Person begründet, man kann ebenso gut behaupten, das liegt in deren Personen begründet – nicht mitteilen zu können oder zu wollen, was sie denken, sondern mitteilen zu wollen und zu denken, was ihnen missfällt. Du zitierst dich selbst:

Hänge an Dingen, die nicht meine sind, werde entsprechend bedient

Nach all dem ruft es in mir nach epischen Räumen

Bedeutungslose Vorwürfe formulieren oder äußern

Ich bin des Haltlosen zwischen den Möglichkeiten so müde wie ich trotzdem jeden Tag einem Realitätssinn folge

Ich vermisse niemanden – mich aber

verhoovensjazz auf twitter

Unter der Woche registrierte Dmitri, dass eine chinesische Firma den Namen seiner Website unter .com registriert hatte, sie wollten dort Reinigungskräfte rekrutieren, er hier, der Dmitri, wollte Musik promoten – und wunderte sich, dass er so regen Besuch hatte aus China, Hongkong, vor Monaten, als die .com Domäne noch unter seinem Namen lief. Nun würde er, so der Verdacht, seine Domäne opfern und ein neues Kapitel aufschlagen, möglicherweise.

Und weiter denkst du an die Physik der Schwermut – dort ging es um das Geheimnis, auch Zauberei genannt, oder Illusion –

Und schnappte sich ein Zauberer die Schirmmütze von meinem Kopf, bohrte seinen Finger hinein und machte so ein großes Loch. Ich brach in Tränen aus, wie sollte ich mich mit kaputter Mütze zu Hause blicken lassen? Er lachte, blies einmal dagegen, und zum Erstaunen aller war sie wieder heil. Ein großer Zauberer.

Das war doch nur eine Illusion, Opa, höre ich mich sagen.
Damals war es Zauberei, sagt mein Großvater, später wurde es zur Illusion.

Georgi Gospodinov Physik der Schwermut

Eine große postmoderne Allegorie beginnt und treibt dich von allerlei Mythenzauber durch ein Labyrinth der Sprache, bis es dir entgegenschlägt:

Ein Mythos, entkernt, lächerlich gemacht und trotzdem schrecklich.

Georgi Gospodinov Physik der Schwermut

Schwankend wankend durch die Welt der Waldnymphen und Helden, der listigen Odysseuse und naiven Zyklopen, bis du selbst zum Minotaurus wirst, ein menschliches Wesen mit Stierkopf.

Selbst, du kannst rufen, am Morgen, es ist nun alles Fakt, alles andere Gespuke, das Gespuke durchtränkt die Fakten. Mathematische Logik wissen wir, tendiert zur Welt der Wahrscheinlichkeiten.

Und spüre: der Text wird zu lang, diesmal nicht für die Maschine, sondern für die von dir ausgedachten Rezipienten, sie lesen das und denken: ich verstehe nicht. Ich muss es nicht verstehen, es hat nichts mit mir zu tun. Stichwort: Erzählerperspektive? Nein, Stichwort Zwischentext, zwischen den Zeilen, das nicht Erzählbare, das wenig Dargestellte, die Optionen und die Spekulationen, du bist zu abstrakt.

Ich kann mir etwas einbilden vom Text im Text, vom Haus im Haus. Ich bin Ich im Ich. Bin viele. Nun werde mal konkret.

Wenn dir das Gehaltlose, Gestaltlose, Metaphysische oder Übertriebene, das Unwahrscheinliche, das Faszinosum oder der von Musil so genannte Möglichkeitssinn den Blick verstellt und die Nebelwolken einem Diffusem im Technokeller ähneln, ja selbst wenn unter dem Dach eine Schwalbe ein Schwalbennest gebaut hat, oder eine Happy Beauty vor aller Augen einen Teller zerschlägt, um ihn von Wunderheilern aus Japan neu zusammensetzen zu lassen, wenn du also im Scherbenglück dein Asphaltleben suchst – benötigst du Punkt, Ruhekissen und meditative Rückzugsflächen.

Orientierung

Dafür ist die Geschichte zuständig, die im Sinn der Historie, die im Sinn der Erzählung, die im Sinn des Überlieferten. Nun hatte ich das Glück, eine Mail zu fischen, in der ich um das Review einer neuen Aufnahme angefragt wurde. Kurzer Blick ins Portfolio, kurzer Check aufs Youtube Tape – sofort gefangen – es soll um die Standards gehen aus The Great American Songbook.

Prompt ein nettes Feature dreier plaudernder Profis des Jazz gefunden, zurückgelehnt und schmunzelnd verfolgt, dass Überkomplexes oder Überverdichtetes zu etwas Überhermetischem werden kann, und gleich der Vorwurf im Raum steht: da will jemand zu viel, und das auch noch geballt.

Liest man sich in die Songbooks ein … so haben wir einen Widerspruch zwischen deutschsprachigem und englischsprachigem Wikipedia. Im Deutschsprachigen geht es verkürzt um herausragende Songs der Pop-Musik zwischen 1920 und 1960, im Englischen wird der Begriff um Jazzstandards erweitert.

Auch hast du im deutschsprachigen eine Liste von Interpreten und Musikschaffenden, im Englischen stehen die Standards als solche im Vordergrund mit jeweiligem Link zu ihrem Artikel. Das mag kleinlich besehen wirken, führt aber zur Frage der Dinglichkeit, der Sache an sich vor dem Hintergrund ihrer Personifizierung. (Augenmerk)

Wir haben eine Vorgabe: Neun Standards aus dem Great American Songbook:
IT COULD HAPPEN TO YOU (Jimmy van Heusen) |
I SHOULD CARE (Sammy Cahn) |
HONEYSUCKLE ROSE (Fats Waller) |
SEND IN THE CLOWNS (Stephen Sondheim) |

LONG AGO AND FAR AWAY (Jerome Kern) |
IF ISHOULD LOSE YOU (Ralph Rainger) |

FUN RIDE (Bill Evans) |
SWEET AND LOVELY (Gus Arnheim) |
SISTER SADIE (Horace Silver)

und sind gleich am ersten Abend bei IT COULD HAPPEN TO YOU hängen geblieben. Verweise auf Spotify und Tidal … das wird eine aufregende Reise, spürt man und … wochenmythos

Eine gute Ausgangsposition zur Selbstverortung. Den eigenen Raum anfüllen mit Historie und Bedeutung.

Neben dir liegt das kleine Büchlein von Jacques Derrida . Nimm die Substantive … und erklär dir, was du gelesen hast.

Du must mir dein Leben nicht erklären, du interessierst dich für meins ebenso wenig.

Ich kann mir schon denken, was alles geschehen ist jenseits dessen, was Selbsterfüllung genannt wird oder wie gruselig oder grauselig diese Selbstsuche nach persönlicher Erfüllung… in den diversen Life-Style-Magazinen, als sei es on vogue: vom Serotin-Mythos (Depressionen führt man auf einen Serotin-Mangel hin) über Krieg und Psyche (wie der Krieg meinen Schutzpanzer zerstört) bis hin zu:

Wann ist Aufgeben sinnvoller als Weitermachen – wir, die Babyboomer mit esoterischer Beilage … dagegen die Substantive bei Derrida: es …

scheint der Begriff der Sprache die Extension der Sprache zu überschreiten

aus das Ende des Buches und der Anfang der Schrift – Jaques Derrida Ausgewählte Texte Reclam

Extension kommt von lat. ausdehnen extensio –

das inkonsistente Doppel eines höheren Signifikanten (…) das Signifikat fungiert seit je als ein Signifikant

aus das Ende des Buches und der Anfang der Schrift – Jaques Derrida Ausgewählte Texte Reclam

Laut dem Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857-1913) ist jedes sprachliche Zeichen bilateral. Es besteht aus zwei Aspekten, einer Ausdrucks- und einer Inhaltsseite. Die Ausdrucksseite ist der Signifikant, er spiegelt sich im Laut- oder Schriftbild wider. Die Inhaltsseite stellt das Signifikat dar, also das begriffliche Konzept eines Zeichens.

Glottopedia Discovering Linguistics

Punkt. Und nun?

Nicht zufällig ereignet sich diese Überbordung in dem Augenblick, wo die Extension des Begriffs „Sprache“ grenzenlos wird (…) alles verhält sich so, als ob der abendländische Begriff der Sprache (…) sich heute als Stellvertretung oder als Verstellung einer ersten Schrift enthüllte

aus das Ende des Buches und der Anfang der Schrift – Jaques Derrida Ausgewählte Texte Reclam

Und leitet über zum Begriff der Technik im Dienst der Sprache : ich verspüre: es braucht Zeit. Lesezeit. Denkzeit. Überdenk und Zurückgehzeit. Du musst das alles noch einmal studieren, es ist dies ein Schlüsseltext für unsere Zeit, Sprache im Zeitalter der Technik. Wir reduzieren das Technische auf den Binärcode und unterstellen der Maschine, sie könne nur zwischen eins und null unterscheiden, und verkennen aber, dass man mit eins und null jede uns bekannte Zahl darstellen kann, außer vielleicht im Bereich der Irratio oder im Ausdruck der Zahl PI (π2π) oder … es ließe sich verkürzen auf ja oder nein, oder Ja aber Nein oder Jein wenn du mir Ja sagst, oder Jein, wenn nicht.

Worauf will denn der Herr jetzt hinaus.

Ich will es dir erklären, antwortet Dmitri, er fängt an zu erklären und ist noch heute dabei, das Klavier zu stimmen.

Es ist Sonja eingeschlafen, Ludger ist davon und mit Philip Roth sind wir noch nicht fertig, der liebe H. sagt wieder: du springst ganz schön hin und her.

Stimmt das so, fragst du zurück, oder verwechselst du nicht Schrift mit Sprechen, oder Schriftsprache mit Sprechdenken, schon erscheint die nächstbeste Rückkopplung: unsere englischsprachige Anleihe bei den Great American Songbook.


Song: IT COULD HAPPEN TO YOU

Sucht den Text bitte selbst – ich darf ihn nicht zitieren –

Lyrics von IT COULD HAPPEN TO YOU

Frage: Was ist der Unterschied zwischen der Dekonstruktion einer Überbordung und der falschen Spur, auf die du geschickt wirst – wie kann das Alles, was ich tat, war mich zu fragen, wie deine Arme sein würden etwas anderes sein als eine fehlgeleitete Hoffnung?

Mehrdeutig im Sinn des Widerborstigen im Wort deiner Arme – wochenmythos

Ich habe den Humor nicht verloren, glaub mir, auch wenn uns das Web zu zänkischer Depression aufruft. Bedenke, Tellerchen fliege. Es war Zeit zu fliehen. Wohin. Überall stand sie da mit ihren offenen Armen und umarmte auch sich.

Ich war viele, durch die sie hindurch griff. Assoziationen vergessen – wochenmythos

Man muss ja alles verschlüsseln inzwischen, sobald es entschlüsselt ist, nehmen sie dich fest – oder hops

wochenmythos
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